DIE SEX-VOYEURIN
Und Mariechen überläßt sich geraume Zeit dem Gefühl der Ermattung. Sie glaubt ja, allein zu sein, und die reizende Lage gefällt ihr. Doch, armes Mariechen, du hast dich getäuscht: du bist nicht ganz allein, du bist nicht unbemerkt geblieben, schwelgend in der wollüstigen Phantasie mit dem Geliebten deines übervollen Herzens. Du hast bei dem süßen Spiel dein Schwesterlein Lolita vergessen, die, gleichfalls von dem Lärm der Straße aufgeweckt, lautlos und staunend dein wunderliches und seltsames Treiben beobachtet hat. Lolita ist um volle zwei Jahre älter als Julie, und man hätte demnach bei ihr eine größere Erfahrung in Liebessachen voraussetzen sollen — doch nein: auch Lolita war noch unschuldig, obwohl das heiße Blut auch sie sehr oft beunruhigt hatte. Auch sie war ebenso heftig wie Julie verliebt und vielleicht noch mehr. Doch genug davon: sie erwachte und lauschte anfangs ängstlich und dann neugierig, Mariechens Beginnen. Sie hörte deren Klageworte und Liebesseufzer und stimmte leise mit in sie ein. Auch sie hatte ja geträumt: geträumt von dem schönen Studenten und sie hatte gewünscht, ihn in ihre Arme zu schließen. Eitles Trugbild: auch er war in der kalten Wirklichkeit entschwunden und auch Lolita hätte ihn so gerne bei sich gehabt. Sie seufzte, und seufzte wieder, und seufzte stärker, als die wollustfeuernde, beklemmende Hitze auch sie überfiel, und indem sie zur Abkühlung gleichfalls die leichte Decke abwarf, suchte ihre weiße Hand das kleine, mit Rabenlöckchen umschattete Mündchen auf, das ihr heute, ebenso wie ihrer Schwester, soviele Pein verursachte. Beide Betten standen nicht neben- sondern hintereinander und auch nicht mit den Fuß- sondern mit den Kopfenden zueinandergekehrt, so daß die eine der beiden Schwestern die andere nicht zu sehen vermochte, wenn sie sich nicht gerade zu diesem Zwecke umgedreht hätte — und an ein Umdrehen in so kritischen Augenblicken ist ja wohl nicht zu denken. Mariechens Bett war näher am Fenster, dasjenige Lolitas mehr im Hintergrund des Zimmers, nach der Tür zu. Als Mariechens Entzücken den höchsten Gipfel erreicht hatte, als die ersten Tautropfen der Wollust das feine Bettuch genetzt, als Mariechen mit hinsterbenden Blicken einige Sekunden laut und bewegungslos dagelegen — da entströmte auch Lolita der süße Born der Natur und abgebrochene Laute des höchsten Entzückens entflohen auch ihren bebenden Lippen: „Oh, mein Student, mein lieber, teurer, innigstgeliebter", — sprach sie laut — „wo weilst du, und warum bist du fern von mir?" — und auch Lolitas herrlicher Körper dehnte sich weit aus, sie schloß die brechenden Augen und überließ sich mit Wonne dem süßen Gaukelspiel der erhitzten Phantasie. Doch diesen letzten, lauten Ausruf hatte Mariechen vernommen, deren Pulse jetzt und nun minder fieberhaft flogen. Leise sprang sie auf und eilte an das Bett der geliebten Schwester. Oh, welch ein Entzücken: da lag diese nun, wie sie vorhin selbst gelegen, der treueste Spiegel ihrer eigenen Stellung auch sie hatte das Hemdchen bis unter die Arme hinaufgestreift. Der makellose, schneeweiße Körper lag fast unverhüllt, der himmlische Busen hob und senkte sich und der liebliche Rosenmund, derjenige, welcher von einer schwarzen Lockenpracht umgeben und durch die sanfte Berührung etwas gerötet war, stand ein wenig geöffnet, da Jettdien im hödisten Entzücken die herrlichen Schenkel weit auseinandergebreitet hatte und er schien Tränen einer bitteren Reue oder einer süßen Freude zu vergießen. Lolita indessen hatte die Augen fest geschlosssen und bemerkte die Späherin nicht.
Doch Mariechen konnte bei diesem Anblick nicht an sich halten. Ein Liebestaumel, eine Gier, die Schwester zu umarmen und sie mit Küssen zu ersticken, bemächtigte sich ihrer mit unwiderstehlicher Gewalt. „Lolita!" rief sie daher mit zärtlicher Stimme — „mein teures Lolita!"
Lolita öffnete die tränenfeuchten Augen und schaute errötend die ungerufene Störerin lang und freundlich an, dann wollte sie sich zudecken und griff nach dem Ende der Decke. Doch Mariechen ließ ihr dazu keine Zeit. Sie warf sich über Lolita hin, ihr Mund suchte den der Schwester und ihre vollen Arme umschlangen deren alabasternen Hals und auch Lolitas Arme öffneten sich bereitwillig und sie drückte, Busen an Busen, die Schwester fest an sich, so daß sich die Rosenknöspchen vierer rundlicher Hügel neckend berührten. Sie küßten sich lange und zärtlich, hingebend und duldend und dann und wann auch wieder verlangend, heftig und stürmisch, und diese ihre Zärtlichkeiten flössen ineinander über, so daß die Vielzahl unterschiedlicher Küsse ein einziger zu sein schien